Samstag, 21. November 2020

Warum wir nicht gendern sollten

10 satanische Verse, einige lang, andere kurz. Über das Ziel dürfen wir alle uns einig sein, über den Weg dahin müssen wir streiten.

1. Der Weg zur Gleichheit ist Gleichheit

Dies ist der Titel eines Artikels der Publizistin Nele Pollatschek im Tagesspiegel, in dem sie die These vertritt, dass die zwanghafte sprachliche Unterscheidung zwischen Frauen und Männern der beabsichtigten Gleichbehandlung widerspricht.

Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider sexistisch. Ich sage leider, denn Menschen, die Gendern sind grundsympathisch. Wer gendert, tut das in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen.

Durch das Gendern wird eine Identitätsebene von vielen möglichen anderen quasi ins Omnipräsente erhöht, man muss sie in jedem Satz, wo über Personen gesprochen wird, sichtbar machen. Damit wird praktisch das Gegenteil von "gleich" erreicht - das Ziel soll ja eigentlich eine Gesellschaft sein, in der es egal ist, ob ein Mensch Männlein, Weiblein oder noch etwas anderes ist.

Einen weiteren interessanten Aspekt nennt Jan Fleischhauer im Focus - Gendersprache als vorwiegend in intellektuellen Kreisen verbreitetes Phänomen zementiere die Kluft zum "einfachen Volk": 

Der Millionärsklub kennt zumindest die Figur des Neureichen, also den Aufsteiger, der dazustößt, trotz zweifelhafter Herkunft und noch zweifelhafterer Ansichten. Die intellektuelle Welt ist auf einzigartige Weise hermetisch und exklusiv. Hier erkennt man schon nach wenigen Sätzen, die einer äußert, ob er (oder sie) dazugehört oder nicht. Sprache verändere Bewusstsein, lautet ein Mantra im linken Lager. Vor allem aber markiert sie soziale Grenzen.

Diese Beobachtung ist ebenfalls hochgradig relevant, ist es doch vorwiegend eine intellektuelle Minderheit, die ihren besseren Zugriff auf Multiplikatoren wie beispielsweise Medien nutzen, um die "ignorante Mehrheit" zu erziehen. Hiervon soll weiter unten noch eingehender die Rede sein.

2. Verschiedene Ebenen der Selbstidentifizierung

Der Mensch bildet Identitäten auf den verschiedensten Ebenen, und viele davon können zum Ziel von Diskriminierung werden - Geschlecht, Hautfarbe, Religion, Nationalität, sexuelle Orientierung, Beruf, Lieblings-Fußballverein - die Liste kann beliebig fortgesetzt werden.

Auf welcher dieser Ebenen die Identität dem jeweiligen Menschen nun besonders wichtig ist, ist eine ganz individuelle Entscheidung. Warum soll nun gerade das Geschlecht unbedingt sprachlich besonders exponiert werden? Auch hierauf geht Nele Pollatschek in ihrem Artikel ein:

Warum fühlt sich Schriftstellerjude oder Schwarzgast so verdammt falsch an, wenn Schriftstellerin und Gästin im öffentlichen Diskurs nicht nur in Ordnung, sondern auch noch anti-diskriminierend sein sollen. Der englische Professor sah im deutschen Gendern das, was wir nur erkennen können, wenn wir die Analogie mit einer anderen Identitätsbeschreibung bilden: Diskriminierung.

Wenn wir im Deutschen gendern, dann sagen wir damit: Diese Information ist so wichtig, dass sie immer mitgesagt werden muss. Und wir sagen: Nur diese Information muss immer mitgesagt werden. Es ist richtig, auf alle anderen Identitätskategorien nur dann zu verweisen, wenn sie relevant sind, nur das Geschlecht wird immer angezeigt, damit machen wir es zur wichtigsten Identitätskategorie.

Es ist (heute) selbstverständlich, dass beim Wort Lehrerzimmer oder Schriftstellerverband auch jüdische Lehrer und schwule Schriftsteller gemeint sind, ohne dass wir vom Schriftsteller*schwulen-Verband oder vom Lehrer*juden-Zimmer sprechen, nur weibliche Lehrer und Schriftsteller sollen extra genannt werden. Wenn wir gendern, sagen wir damit, diese Information darf niemals nicht gesagt werden.

Wer gendert, nimmt den Menschen faktisch die Wahl, worüber sie sich primär selbst identifizieren wollen. Aus einem Instrument, das eigentlich Diskriminierung bekämpfen soll, wird so eines der Bevormundung.

3. Unsere Sprache ist bereits geschlechtergerecht

In der deutschen Sprache gibt es generische Formen, die zwar ein grammatisches Geschlecht haben, je nach Kontext aber kein biologisches. Etwa ist das Geschlecht einer Person unbestimmt, ähnlich wie Führungskraft, Geisel, Wache. Die hier genannten Begriffe sind Beispiele für generisches Femininum. Ähnliches gibt es auch im Neutrum, wie etwa dem Kind oder Mitglied.

Stein des Anstoßes sind die Gattungsbegriffe männlichen grammatischen Geschlechts, wovon die allermeisten mit dem Suffix "er" gebildet werden. Jene Gruppe hat eine besondere Eigenschaft - man kan sie "weiblich machen", indem man aus "er" ein "erin" macht. 

Und hier wird es kompliziert: "erin" kann nur spezifisch (weiblich) bezeichnen, "er" hingegen sowohl spezifisch (männlich) als auch generisch. Was nun gemeint ist, hängt vom Kontext ab: "die Bürger" sind beliebigen Geschlechts, "die Bürgerinnen" stets weiblich, "die Bürgerinnen und Bürger" wiederum weiblich und männlich. Die grammatisch weibliche Form ist stets spezifisch, und weil sie im Kontext des Gesagten quasi dominant ist, ist das die männliche nicht - um einen männlichen Bürger unmissverständlich zu bezeichnen, braucht es Klimmzüge.

Das ist auf jeden Fall nicht symmetrisch, aber "ungerecht"? Die Lösung der Freunde des Genderns war dann zunächst, ganz einfach der maskulinen Form ihre Generizität zu nehmen und sie stets gemeinsam mit der femininen zu verwenden. Das lief freilich in eine Falle, da, wenn man schon alle explizit nennen zu müssen meint, bei der Methode die Geschlechter, die weder weiblich noch männlich sind, fehlen. Der Linguist Peter Eisenberg plädiert in seinem Essay auf BPB nun dafür, einfach zu den längst vorhandenen generischen Konstrukten zurückzukehren, die dieses gerade erst geschaffene Problem ohnehin nicht kannten:

In anderen Verwendungen ist das nicht der Fall, etwa wenn vom Berufsstand der Lehrer, von Lehrerbildung oder Lehrergewerkschaft, vom Lehrerzimmer oder Lehrerkollegium, von lehrerhaft usw. die Rede ist. Offenbar ist Lehrer nicht in derselben Weise auf ‚männlich’ festgelegt wie Lehrerin auf ‚weiblich’. Noch deutlicher wird das bei vielen anderen Wörtern, die kaum jemand von sich aus überhaupt auf ‚männlich’ bezieht. Wenn in der Zeitung steht: "Die deutschen Steuerzahler und besonders die Autofahrer werden wieder einmal zur Kasse gebeten", dann versteht jeder, dass Personen bestimmter Art bezeichnet sind, unabhängig vom natürlichen Geschlecht: Heterosexuelle, Homosexuelle, Transsexuelle, Intersexuelle sowie Personen mit allen überhaupt denkbaren sexuellen Orientierungen sind in gleicher Weise Steuerzahler. Niemand ist sprachlich diskriminiert.

Nur kam genau das für Genderbewegte nicht in Frage, hatte man doch bereits so viel Energie im Kampf gegen das generische Maskulinum gesteckt, dass das Aufgeben dieser "Errungenschaft" keine Option sein durfte. Als Lösung folgte daher nun ein weiterer Klimmzug - aus "Bürgerinnen und Bürgern" wird nun "Bürger*innen" (alternativ, was es nicht besser macht: "Bürger:innen" und "Bürger_innen"), und dass mit dem "*" , ":" und "_" nun alles andere neben männlich und weiblich gemeint sein soll - dass muss man dann halt wissen.  

Ist das nun wirklich besser? Praktikabler? Diskriminierungsfreier?

4. Die Möglichkeit zu differenzieren wird geopfert

Das zwanghafte Vermeiden der Verwendung der traditionellen generischen Formen beraubt unserer Sprache letztlich Ausdrucksmächtigkeit: Wenn ein Begriff wie etwa der "Lehrer" nicht mehr eine Person beliebigen, sondern - so die Verfechter der Gendersprache - stets nur männlichen Geschlechts bezeichnen darf, wird eine mögliche Bedeutung bzw. Ausdrucksmöglichkeit aus der Sprache entfernt. Man kann nicht mehr generisch, sondern nur noch spezifisch formulieren.

Was passiert nun, wenn wir eine geschlechtsneutrale Form wählen? Eine beliebte Methode, die Nennung geschlechtsspezifischer Formen ganz zu vermeiden, ist die Verwendung des Partizips, also beispielsweise "Studierende" statt "Studenten". Nur ist auch das nicht dasselbe. Was sind "Studierende" in den Semesterferien oder nachts auf der Mensaparty? Die hier verwendete Form sagt aus, dass eine Person etwas in diesem Moment tut, und davon kann bei der Tätigkeit des Studierens nicht zu jedem beliebigen Zeitpunkt die Rede sein. Die Konsequenz kann zweierlei sein: ein Verlust an Ausdrucksmächtigkeit, da ihr entweder die ursprüngliche Bedeutung geraubt, oder eine künstlich geschaffene Mehrdeutigkeit - ist eine allgemeine Bezeichnung gemeint oder eine gerade stattfindende Tätigkeit? In seinem Artikel in der Süddeutschen illustriert Peter Eisenberg das an diesem Beispiel:

Man stelle sich die Abschlussklasse einer Schule vor, deren Schüler eine Lehre antreten wollen. Sie sind dann Auszubildende, aber Lehrlinge sind sie noch nicht. Der Unterschied zwischen beiden Substantiven ist einfach und klar. In einem Blog über das Gendern bringt ein Blogger ein ebenso klares Beispiel zu Studierender vs. Student: Ein sterbender Studierender stirbt beim Studieren, ein sterbender Student kann auch im Schlaf oder beim Wandern sterben.

Die Umdeutung der bisher allgemein akzeptierten Bedeutung bestimmter Sprachkonstrukte zieht eine ganze Kette von Klimmzügen nach sich, die nun die entstandenen Lücken schließen sollen - das Resultat ist dabei erwartungsgemäß nicht sehr überzeugend: neue Formen müssen erfunden, Bedeutungen müssen neu gelernt werden, die Sprache verliert an Eleganz und Flüssigkeit.

5. Sprachwandel folgt keinem Plan, sondern Bedürfnissen

"Sprache wandelt sich!" schallt es uns entgegen, wenn man uns zu verstehen gibt, warum es nicht mehr ausreiche, wenn wir von unseren "Freunden" reden; nein, es müssten heutzutage schon "Freundinnen und Freunde", "Freund*innen", "Freund_innen", "Freund:innen" oder gar "FreundX" sein. Ist es wirklich so, dass sich unsere Sprache dahin gewandelt hat? 

Muttersprachler haben ihr Instrument über die Jahrhunderte allerlei Änderungen unterzogen. Was im Sprachgebrauch hängen blieb, wurde zum Standard, aus falsch wurde richtig. So ist es wohl nur eine Frage der Zeit, wann der Duden die Angewohnheit, statt eines Neben- einen Hauptsatz mit "weil" einzuleiten, weil, das hat sich langsam in so ziemlich allen Nischen festgesetzt.

Gilt das auch für das Gendern? Die Antwort auf der Straße und im Bekanntenkreis fällt wohl eindeutig aus. Ganz anders sieht es hingegen aus, wenn man Politikern oder manchen Fernsehmoderatoren zuhört oder sich Schriftliches von Universitäten oder gar dem Goethe-Institut anschaut. 

Das spricht dafür, dass die historisch aus intellektuellen Kreisen im Umfeld des politischen Feminismus stammenden "genderish"-Sprachformen eher ein Produkt von Design sind als denn von Evolution. Entsprechend stark vertreten sind sie im akademischen Milieu und dort, wo dessen Anteil relativ groß ist - das sorgt für eine weit überproportionale Medienpräsenz, ändert aber nichts daran, dass es bei der Mehrheit der Muttersprachler nie angekommen ist. Wolfgang Kirschke nimmt in seinem Artikel in der FAZ eine "massive Sprachlenkung von oben" wahr:

Was außerdem in kaum einem Ratgeber zum gendersensiblen Sprachgebrauch fehlt, ist die Behauptung, man folge ja nur einem sowieso stattfindenden Sprachwandel. Das suggeriert, hier ginge es um grammatische Verschiebungen, die sich, ungeplant wie ein Trampelpfad, aus der Summe ungezählter Sprechakte allmählich von selbst ergeben, so wie „boll“ zu „bellte“ und „geschlocken“ zu „geschluckt“ wurde. Verschleiert wird, dass es sich um eine massive Sprachlenkung von oben handelt, die nicht nur die Wortwahl, sondern auch den Gebrauch grammatischer Formen zu steuern sucht und darüber hinaus mit den gegenderten Bildungen in das grammatische System eingreift. Wie alle Maßnahmen zur Verbesserung des Menschengeschlechts ist auch die Durchsetzung des politisch korrekten Sprechens ein im Kern bürokratisches Projekt. Die Anonymisierung der verwalteten Welt spricht aus den Leitlinien, wenn sie empfehlen, Personenbezeichnungen möglichst ganz zu vermeiden und durch passivische Formulierungen und abstrakte Ausdrücke (Professur statt Professorinnen und Professoren) zu ersetzen.

Gerade weil das Gendern im täglichen Sprachgebrauch praktisch keine Rolle spielt, kann das als Zeichen dafür gedeutet werden, dass es in der Gesellschaft schlicht keinen ausreichenden "Schmerzdruck" gibt, der zur Triebfeder eines wirklichen Sprachwandels geworden wäre. Stattdessen handelt es sich bei dieser Bewegung um ein Projekt einer Minderheit, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Mehrheit in ihrem Sinne zu überzeugen und schlimmstenfalls ganz einfach zu erziehen.

6. Ein Wettbewerb ohne Chancengleichheit

Genau hier wird nun der Hebel angesetzt - und da wie gesagt der Anteil der Befürworter des Genderns in den Medien und im Bildungswesen überproportional groß ist, könnte man geradezu sagen, dass die entscheidenden "Produktionsmittel" (also Möglichkeiten, neu erdachte sprachliche Paradigmen zu verbreiten) in den Händen weniger sind, und die dort offensichtlich gehegte Hoffnung, man müsse das Volk nur lang genug beschallen, bis die gewünschte Überzeugung oder wenigstens ein Lern- und Gewöhnungsprozess eintrete, nicht ganz abwegig ist.

Dem Stigma, sich dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit zu verweigern, will sich niemand aussetzen, und der immer größer werdende Anteil Überzeugter und Opportunisten mit Zugang zu "Multiplikatoren" wie den Medien wird mehr und mehr zum Spiegel der realen Ungleichheit in unserer Gesellschaft, der zwischen Qualifikation und Möglichkeit, etwas zu bewegen auf der einen und dem Fehlen von alledem auf der anderen Seite - denen doch dieser Kampf am Ende zugute kommen soll, undankbares Volk!

7. "Sprache formt Realität" - eine Überzeugung, keine Tatsache

Die Idee, dass das, was wir ausdrücken und wie wir das tun, unsere Wahrnehmung von Realität, dadurch unser Handeln und letztlich die Realität selber prägt, ist im 19. und 20. Jahrhundert sowohl von Philosophen als auch einigen Linguisten formuliert worden. Beispiele hierfür sind die vor allem seit dem 2. Weltkrieg weitgehend verworfene Sapir-Whorf-Hypothese oder Ludwig Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus (von dem sich Wittgenstein später übrigens selber distanzierte). Dass es einen Zusammenhang zwischen Sprache und Denken gibt, dürfte jedem einleuchten, die Frage ist nur: in welche Richtung?

Anhänger der feministischen Linguistik und der Genderforschung haben immer wieder versucht, durch Experimente zu belegen, dass fehlende "Sichtbarkeit" des weiblichen in der Sprache dazu führe, dass sich Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft verfestigten, weil mit bestimmten Bezeichnungen männliche statt weibliche Personen assoziiert würden. Die in Assoziationstests gemachten Beobachtungen werden dann als Beleg dafür genommen, dass die Sprache eine solche Wirkung habe. Es bleiben jedoch Zweifel. Die Linguistin Ewa Trutkowski schreibt dazu in ihrem Artikel in der NZZ:

Man vergleiche etwa die Sätze «Ein Lehrer ging die Strasse entlang», «Ein Lehrer verdient ganz gutes Geld», «Hans und Maria sind Lehrer» und «Alle neu eingestellten Lehrer sind Frauen». Jeder Leser wird bemerken, dass die Wortform «Lehrer» von Fall zu Fall unterschiedliche Assoziationen auslöst. Doch Assoziationsstudien, die so differenziert vorgehen, gibt es nicht. Das zeigt einerseits, wie wenig wir noch wissen, aber andrerseits auch, auf welch dünnem Eis sich viele Befürworter des Genderns bewegen.

Tatsächlich ist das Herleiten von Kausalbeziehungen aus Studien gar nicht möglich, weil die beobachteten Assoziationen auch ganz andere Ursachen haben können: allen voran die die Versuchspersonen umgebenden gesellschaftliche Verhältnisse - oder auch einfach nur das Wissen, Teil eines Versuchs zu sein. Durch die Komplexität des "Versuchsobjekts" sind die möglichen Schlüsse, die man über die reine Beobachtung hinweg ziehen kann, sehr begrenzt. 

Ebensowenig beweisbar, aber mindestens genau so plausibel ist die These, dass die Sprache vor allem ein Spiegel der Art ist, wie ihre Sprecher die Welt erleben und über die Zeit von ihnen zu einem Werkzeug geformt worden ist, das ihnen erlaubt, sich so mitzuteilen, wie sie fühlen. Demzufolge folgt also die Sprache primär dem Denken und nicht umgekehrt!

8. Raus aus meinem Unterbewusstsein!

Was aber nun, wenn die feministische Linguistik doch recht hat? Dann könnte man ja durch die Einführung "gendergerechter Sprache", wenn sie sich nur weit genug verbreitete, das zweifellos gute Ziel der geschlechtergerechten Gesellschaft wenigsten ein wenig anschieben?

Ja, das wäre zweifellos doppelplusgut - oder etwa nicht? Die Konditionierung von Menschen ist ja bereits Thema verschiedener Utopien geworden - etwa "1984" von George Orwell oder "Clockwork Orange" von Anthony Burgess

Während man bei diesen beiden Beispielen wohl kaum auf die Idee käme, das dort beschriebene Vorgehen zu verteidigen, haben scheinbar eine ganze Reihe Zeitgenossen keine Probleme damit, schließlich sei das Ziel doch edel - oder nicht?

Gutes sollte man aus Überzeugung tun, und niemand hat das Recht, zur Durchsetzung von Zielen, mögen sie noch so gut sein, nach Hebeln im Unterbewusstsein anderer zu suchen.

9. Die Durchsetzung erfolgt mit "sanftem Druck"

Tatsächlich wird vielerorts gar nicht abgewartet, ob die Gesellschaft sich von der Sinnhaftigkeit des Genderns überzeugen lässt. Seit einigen Jahren sprießen immer mehr Sprachvorschriften aus den Löchern. Neben direkten Anweisungen, etwa bei Kommunen, die auf "geschlechtergerechte Sprache" umgestellt haben, finden sich immer häufiger "Leitfäden", die zwar keine Vorschriften sein wollen, aber in der Praxis oft genau als solche behandelt werden. Die Folge ist ein Umsichgreifen vorauseilenden Gehorsams.

Obwohl der BGH am 18.03.2018 [BGH, Urteil vom 13.03.2018 – VI ZR 143/17, NJW 2018, 1671–1675] urteilte, dass das generische Maskulinum im Zivilrechtsverkehr vollkommen ausreiche, steigt in Unternehmen die Angst vor Klagen wegen angeblicher Diskriminierung, weshalb man quasi "vorsichtshalber" in der internen Kommunikation auf Gendersprache umstellt - zwar hätten derartige Klagen aufgrund des o.g. Urteils kaum Aussicht auf Erfolg, aber wer will sich schon ohne Not den Ärger eines solchen Prozesses aufhalsen?

Studenten, vor allem geisteswissenschaftlicher Fächer, geraten unter zunehmenden Anpassungsdruck, in eingereichten Arbeiten "geschlechtergerecht" zu formulieren. So etwa der Student Sebastian Zidek, dem 2015 an der TU Berlin folgendes widerfuhr:

Er war Teilnehmer eines Seminars „Einführung in das Verkehrswesen“, in dessen Richtlinien es hieß, eine „gendersensible Sprache“ werde „in einer wissenschaftlichen Arbeit erwartet“. Der Student hakte nach und wollte wissen, wo denn das bitteschön stehe. Die Lehrkraft schrieb ihm zurück, das Gendern sei „eine Vorgabe seitens der TU Berlin“, deren Nichtberücksichtigung einen Punktabzug zur Folge habe. Außerdem habe es sich „inzwischen als gesellschaftlicher Konsens auch in wissenschaftlichen Ausarbeitungen niedergeschlagen“.

Zidek wandte sich an die Rechtsabteilung der TU, die ihm mitteilte, eine solche Vorgabe existiere gar nicht. Dabei war die TU Berlin keineswegs ein Einzelfall - von einem ähnliche Zwang zum Gendern berichtet wurde auch von der Berliner Humboldt-Universität, dem Geschwister-Scholl-Institut der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, der Universität Hamburg, der Universität Salzburg, der Fachhochschule St. Pölten und der Fachhochschule des Berufsförderungsinstituts Wien.

Die an den meisten Hochschulen üblichen "Leitfäden" wollen als Empfehlungen verstanden werden, bei deren Nichtbeachtung Punktabzüge nicht zu erwarten seien. Und obwohl Klagen gegen solche Regeln als aussichtsreich gelten, bleibt jedoch die Sorge bei Studenten, bei besonders "genderbewegten" Professoren oder Tutoren für nicht gegenderte Arbeiten schlechter bewertet zu werden - der Grund muss ja nicht offen genannt werden. Die Folge ist vorauseilender Gehorsam, da - wohl zu recht - befürchtet wird, dass offener Widerspruch nicht gut ankäme und die "andere Seite" schließlich am längeren Hebel sitzt.

Direkt betroffen sind wiederum die Organe genderbewegter Hochschulen: etwa berichtet der mittlerweile im Ruhestand befindliche frühere verantwortliche Redakteur des Dresdener Universitätsjournals, Mathias Bäumel, folgendes:

Ende September 2020 forderte die neue Rektorin der TU Dresden die Redaktion des Dresdner Universitätsjournals auf, künftig alle Texte im UJ zu „gendern“.

In all diesem offenbart sich ein offenbar gestörtes Demokratieverständnis: man meint, für eine "gute Sache" zu kämpfen und ist, ohne weiteres bereit, die Macht aus bekleideten Positionen in in der Politik, in öffentlichen Einrichtungen oder auch einfach in der Firma dafür zu verwenden, eine Sprachpraxis durchzusetzen, die stabil von einer deutlichen Mehrheit unserer Gesellschaft abgelehnt wird.

10. Jeder nach seinermeiner Fasson!

Ein fundamentales Problem des Genderns ist, dass es nicht kompatibel zum "Nichtgendern" ist: Bedeutungen sind so verändert, dass Missverständnisse unumgänglich sind. Die Linguistin Ewa Trutkowski fasst dieses Problem in der NZZ so zusammen:

Im Übrigen wird oft vergessen, dass Gendern eine Sprachhandlung ist, die sich aus der Überzeugung ableitet, das Maskulinum habe keine generische Bedeutung. Wer gendert und eine maskuline Form benutzt, kann folglich nur die spezifisch männliche Lesart im Sinn haben. Diese triviale Konsequenz wird jedoch von den wenigsten zu Ende gedacht, denn sie bedeutet, dass sich generische Lesart des Maskulinums und Gendern gegenseitig ausschliessen.

Die «friedliche Koexistenz», also das gelegentliche Einstreuen von «*in»-Formen, wie es zum Beispiel Claus Kleber im ZDF-«Heute-Journal» praktiziert, ist ein logischer Widerspruch: Wer gendert, entledigt das Maskulinum seiner generischen Bedeutung – wo «Expert*innen» sind, sind «Experten» nur Männer. Hier gibt es kein Ab-und-zu und Von-Fall-zu-Fall, sondern nur ein Ganz-oder-gar-nicht.

Wie schon oben erwähnt, ist die Wirkung der weiblichen Form auf "er" endender Gattungsbegriffe dominant: der Kontext, indem ein solcher Begriff genannt wird, ist zunächst einmal generisch - bis die Variante mit der weiblichen Endung "erin" hinzukommt. Die Semantik der Aussage »Ich habe mich bei Experten erkundigt!« ändert sich automatisch in dem Moment, wenn als Antwort kommt »Und ich bei Expertinnen und Experten.«

Wir sind somit an einen Punkt angelangt, wo unsere gute Kinderstube - Toleranz anderen Pläsierchen gegenüber - an eine Grenze kommt, denn die Basis eines gemeinsamen Verständnis - etwa, dass ein Gattungsbegriff egal welchen grammatischen Geschlechts alle biologischen Geschlechter gleich bezeichnet - wird vom Gegenüber schlicht negiert - und sogar übersteuert, wie man im o.g. Beispiel sehen kann.

Gendern stellt uns eine "entweder-oder-Frage", und ein "jeder nach seiner Fasson" gibt es nicht mehr. Diese dem gedanklichen Konstrukt darunter innewohnende latente Aggressivität im Zusammenspiel mit einer angeblich höheren moralischen Wertigkeit macht es letztlich zu einem autoritären Konzept, das gerade bei denen, die es so vehement vertreten, eigentlich zu Misstrauen führen sollte.

Anhang: Lesenswertes zum Thema

Zum Thema sind eine ganze Reihe hervorragender Fachartikel und Meinungsstücke geschrieben worden, die oben manchmal, aber doch zu selten verlinkt wurden. Auf dass Ehre denen zuteil werde, denen Ehre gebührt, seien hier einige genannt und somit empfohlen:

Ewa Trutkowski: Vom Gendern zu politischen Rändern, 2020, NZZ [archiv]

Nele Pollatschek: Deutschland ist besessen von Genitalien - Gendern macht die Diskriminierung nur noch schlimmer, 2020, Tagesspiegel [archiv

Jan Fleischhauer: Neue grüne Sprachlehre: Berliner Kontrolleure sollen nicht mehr "Schwarzfahrer" sagen, 2020, Focus [archiv]

Thomas Nötting: Warum Gendern sinnlos ist, 2020, MEEDIA [archiv]

Dichter Reiner Kunze: "Sprachgenderismus ist eine aggressive Ideologie", 2018, PNP [archiv

René Scheu: Liebe Sprachbenutzerinnen und Sprachbenutzer: Wie halten Sie es mit der Sexualisierung der Sprache von oben? 2019, NZZ [archiv]

Peter Eisenberg: Warum korrekte Grammatik keine Gendersternchen braucht, 2020, FAZ [archiv]

Peter Eisenberg: Das missbrauchte Geschlecht, 2017, Süddeutsche [archiv]

Peter Eiseberg: Das generische Maskulinum, 2018, MERTON [archiv]

Peter Eisenberg: Das Deutsche ist eine geschlechtergerechte Sprache - ohne Zwang und Manipulation, 2018, BPB [archiv]

Josef Bayer: Sprachen wandeln sich immer – aber nie in Richtung Unfug , 2019, NZZ [archiv]

Wolfgang Kirschke: Gendersprache : Leitfaden zur Neutralisierung der Welt, 2019, FAZ [archiv]

An den Hochschulen herrscht Anpassungsdruck: Wer nicht „gendert“, bekommt Punktabzug, 2015, News4Teachers [archiv]

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