Samstag, 15. November 2014

Ein Jahr mit dem Telephon des Feindes - Bestandsaufnahme

Bild: Wikipedia
Letztes Jahr im September hatte ich mir ein neues Mobiltelefon der Marke Blackberry zugelegt. Das war etwas, was ich nur ein Jahr vorher quasi für alle Zeiten kategorisch ausgeschlossen hätte. Meine initialen Eindrücke hatte ich in einem früheren Blogpost dokumentiert: Blackberry ist (beinahe) für Nerds! Wie ist es mir nun gegangen - ein Jahr mit einem (wieder einmal) Nischenprodukt?

Die Antwort fällt erstaunlich eindeutig aus! Alle Punkte, die ich initial positiv bewertet hatte, haben sich quasi bestätigt:

  • Das von WebOS inspirierte, sehr auf Wischgesten aufbauende Bedienkonzept hat sich in der Praxis mehr als bewährt. Das einzige, was ich wirklich von meinem Pre3 vermisse, ist das Beenden von Anwendung durch nach oben heraus wischen, aber das ist eher zu vernachlässigen :)
  • Die Tastatur ist großartig! Die Spracherkennung funktioniert hervorragend, dieses Ding ist eine echte Schreib-Maschine! Da ich mein Telephon primär zum telephonieren und für Kommunikation über soziale Medien verwende, ist die Tastatur quasi der kritische Bestandteil so eines Geräts. 
  • Der Browser ist so ziemlich das beste, was ich auf Mobiltelefonen bisher gesehen habe. Seine große Stärke ist es, Desktop-Webseiten auf eine Art darzustellen, dass man sie auch auf dem kleinen Bildschirm gut lesen kann.
  • Das BBOS-10 Betriebssystem ist gut durchdacht. Der Hub ist als Kommunikationszentrale längst nicht mehr wegzudenken, die Abkürzungen zu den Einstellungen, die man oft braucht (z.B. Flugzeugmodus, Einstellung des Benachrichtigungsprofils) sind leicht zu erreichen. Man kann dieses Gerät mit einer Hand und nur manchmal Hingucken (ich verrate nicht, wo man so etwas tut!) problemlos bedienen. Auch das ist für mich ein Muss, denn ich will keinen kleinen Laptop, sondern einen einfach und unkompliziert zu bedienenden Gebrauchsgegenstand in meiner Hosentasche!
  • Der Empfang ist selbst in schwachen Netzen (ich bin Kunde eines Providers mit eher schwacher Netzabdeckung) erheblich besser als mit anderen Geräten, die ich gehabt habe. 
  • Die Hardware macht Spaß. Das Telephon ist schnell, und die Batterie hält mindestens zwei Tage bei normaler Benutzung.
Wo Licht ist, ist auch Schatten - folgendes stört:
  • Die Batterie ist nicht fest verbaut und (man kann also auch Ersatzbatterien mitnehmen, was ja an sich gut ist, aber:) sitzt recht lose im Gehäuse. Wenn man das Gerät aus geringer Höhe fallen lässt, führt das zu einen Neustart des Geräts, was aufgrund der großzügigen Musikbibliothek durch Einlesen und Indizieren eine ganze Weile dauert.
  • Die Systemsoftware "Blackberry Link" für Windows und Mac ist ein schlechter Witz. Ständig bricht die Übertragung beim Synchronisieren über USB ab. Nachdem mich das Ding viele Stunden und Nerven gekostet habe, synchronisiere ich mittlerweile per Hand über die "Gerät als USB-Stick" Funktion.
  • Es gibt immer noch keine Latein-nach-Kyrillisch-Transliterationseingabe, das heißt, ich kann mit Bordmitteln nur nach Umschalten auf Russisch und dann mit Auswendigwissen der russischen Belegung schreiben - aber leider ist Russisch nicht Ukrainisch! Diese Funktion gibt es auf dem alten BBOS und wird von ihren Nutzern sehr geschätzt - es ist eigentlich ein Witz, dass sie im neuen Betriebssystem selbst für Version 10.3 noch nicht umgesetzt ist!
  • Die Auswahl an Apps ist überschaubar, und die Qualität der Apps selber oft auch. Ein schlimmes Beispiel ist die Kicker-App, die in einem Farbschema daher kommt, dass die Schrift auf meinem Telefon unlesbar ist. Wie so etwas auch nur irgendeine Qualitätskontrolle überstanden hat, ist mir schleierhaft. 
  • Manche Apps beeinträchtigen das System. Ich hatte einige Zeit lang einen Zustand, in dem meine an sich gute Batterie immer nach knapp einen Tag leer war, weil Hintergrundprozesse das System permanent beschäftigten. Mein Verdacht fällt hier auf die Skype-App, die ich seither nicht mehr benutze. Ich konnte den Zustand damals nur durch Zurücksetzen auf Fabrikeinstellungen und manuelles neu-Einrichten von Konfiguration, Daten und Apps beheben.
In meinem Bericht vor einem Jahr hatte ich moniert, dass einige für mich wesentliche Apps fehlten. Auch habe ich in der Zwischenzeit Apps kennengelernt, die mir lieb und teuer geworden sind. Hier ist ein kurzer Überblick dazu:
  • Android-Apps lassen sich mit Hilfe der Chrome-Erweiterung BB10 Playbook App-Manager leicht installieren. Das war am Anfang etwas nervig einzurichten, läuft seither aber tadellos, und ich habe bisher noch keine Android-App nicht auf Anhieb zum Laufen gebracht (nun gut, mein Nutzungsverhalten entspricht vielleicht nicht ganz dem Durchschnitt).
  • Unverzichtbar war und ist für mich Tapatalk. Was soll ich sagen: die App läuft und läuft und läuft :)
  • Anstatt Instapaper, das mein Gerät leider nicht direkt unterstützt verwende ich den Play ePub Reader, mit dem ich Bücher lesen und nebenher auch gleich auf meine Instapaper-Bibliothek zugreifen kann. Eine kleine und lohnende Investition, und der Support ist erstklassig.
  • Für das Fehlen einer direkten Unterstützung von Texteingabe in ukrainisch habe ich mir eine weitere App gekauft: KeyboMagic, ein kleines Fenster, in dem ich in der Sprache meiner Wahl den Text eingeben kann, dann auf "Kopieren" drücken und einfügen, wo ich will. Besser wäre natürlich direkte Unterstützung im Betriebssystem, aber dieses kleine Helferlein tut seinen Job außerordentlich gut.
  • Was wäre ein Nerd ohne eine (Unix-) Shell? Nun, hier haben wir zwar QNX, aber über kleine Unterschiede wollen wir mal hinweg sehen. Eine Shell gibt es (inklusive ssh und Freunde) durch BG SSH-SCP-SFTP free, was will man mehr!
  • Ich hatte im Vorweg viel Kritik an der Map-Applikation von Blackberry gehört. Ja, sie mag beim Durchstöbern von Karten nicht ganz so leistungsfähig wie die von google sein, aber ich habe eigentlich keinen Grund zur Kritik. Vor allem aber muss ich sagen, dass ich mit der integrierte Navi-Anwendung sehr zufrieden bin. Ich habe mir mittlerweile eine Halterung für die Windschutzscheibe gekauft und und benutze das Telefon nun regelmäßig als Navi. Es arbeitet präzis, die (britisch-englische) Ansagen sind gut verständlich und angenehm zu hören, und die Bildschirmanzeige auf dem kleinen Bildschirm und aus Entfernung immer noch hervorragend zu erkennen. Daumen hoch!
Auch hier soll nun ein Fazit nicht fehlen. Ich weiß nicht, ob Blackberry wirklich für Nerds ist. Ich weiß ja nicht mal, ob ich selber einer bin! Aber nachdem ich einige Zeit lang selber mit App-Entwicklung für andere Plattformen beschäftigt war und somit auch einiges an Erfahrung mit den üblichen Verdächtigen habe sammeln können, kann ich sagen, dass dies seit meinem ersten iPhone 3 das erste Gerät ist, dem ich das Attribut "praxistauglich" und "simpel genug für eine faule Sau wie mich" verleihen kann, das - obwohl simpel - leistungsfähig ist und für meine individuelle Art der täglichen Benutzung alles bietet, was ich als notwendig empfinde. Wenn die Firma, die bisher die Telephone für den Feind baute, dem aktuellen Kurs treu bleibt und weiter so großartige Schreib-Maschinen produziert, dann spricht vieles dafür, dass meinem Q10 irgendwann ein neueres Gerät aus dem selben Hause nachfolgen wird.

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